Traditionshandwerk in Kassel

Sie flickte den Husky: Monika Dunse sucht Nachfolger für ihre Näherei

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Hat viele Unikate gefertigt: Als die Gottschalkfabrik ihren Betrieb eingestellt hat, hat Monika Dunse sich mit einer technischen Näherei in Bettenhausen selbstständig gemacht.

Sie hat den riesigen Einlauftunnel der Kassel Huskies immer wieder repariert und viele Unikate gefertigt. Jetzt sucht Monika Dunse händeringend einen Nachfolger für ihre technische Näherei.

Sie hat den riesigen Einlauftunnel der Kassel Huskies immer wieder repariert, Zeltdächer gefertigt, die selbst das verregnetste Rockfestival in Wacken überstanden haben oder Rettungshilfen für die Frankfurter Berufsfeuerwehr genäht. Für ihre Kunden fertigt Monika Dunse individuelle Aufträge, kommt zu ihnen nach Hause und nimmt Maß.

„So was wird im Internet nur schwer zu bekommen sein“, sagt sie und blättert dabei etwas wehmütig durch ein Fotoalbum, in dem einige dieser Unikate zu sehen sind. Liebevoll streicht sie über die Bilder. Hände, die zupacken können und über Jahre keine leichte Arbeit verrichtet haben. Im kommenden Jahr möchte Monika Dunse in den Ruhestand gehen – einen Nachfolger hat sie aber bislang nicht finden können.

Seit über 20 Jahren betreibt die 64-Jährige ihre Näherei in Bettenhausen. Zuerst in den Räumen der Salzmannfabrik. Nachdem die Mieter aus der historischen Immobilie ausziehen mussten, hatte Dunse ihren Betrieb in einer Halle an der Lossestraße. Als die Firma Gottschalk, eine der größten Nähereien in Kassel, ihren Betrieb einstellte, hat Dunse einige der Nähmaschinen aufgekauft und sich selbstständig gemacht. In ihrem Betrieb arbeitet sie mit zwei Mitarbeiterinnen zusammen.

Als sie den Einlauftunnel der Huskies, der die Form eines Husky-Hundes hatte, auf dem Dachboden der Salzmannfabrik aufgeblasen hatte, um ihn zu reparieren, da seien einige Lampen von der Decke gefallen. „Der war ja einfach riesig“, erinnert sie sich. „Aber wo hätte man es sonst machen sollen?“

Wer eine Abdeckung für seine Terrasse oder sein Boot brauchte, der fuhr zu Monika Dunse: „Manche Kunden kenne ich schon seit Jahrzehnten.“ Die würden auch manchmal nur auf einen Plausch vorbeikommen, darüber freut sich Monika Dunse auch.

Nähen hat die gebürtige Hessisch Lichtenauerin gelernt. Seit 1974 ist sie im Beruf. Näherin sei damals eine übliche Ausbildung gewesen, erzählt sie. Danach habe sie eine Weiterbildung zur Bekleidungstechnikerin gemacht und sei für Gottschalk im Ausland gewesen.

Einen Großteil ihres Handwerks hat sich Monika Dunse aber über die Jahre angeeignet – den Umgang mit den schweren Materialien. Ein Großteil der Stoffe, die Dunse verwendet, sind wasserdicht. Größtenteils Polyestergewebe. Eingetragen ist ihr Betrieb als Segelmacher. Deshalb hat sie in Zeitungen im Norden inseriert. In der Hoffnung, dass sich dort jemand findet, der die Näherei übernehmen könnte. „Man muss auch keine jahrelange Erfahrung haben“, sagt Dunse. Sie würde ihren Nachfolger einarbeiten und unterstützen.

„Das Problem ist, dass es in dem Bereich keinen Ausbildungsberuf mehr gibt“, sagt sie. Das hat die Handwerkskammer bestätigt, an die sie sich auf der Suche nach einem Nachfolger gewandt hat – man konnte ihr nicht helfen. Die Hoffnung will Monika Dunse aber noch nicht aufgeben – vielleicht findet sich noch jemand, der dafür sorgt, dass das Handwerk, das in Kassel so lange Tradition hat, nicht ausstirbt.

Textilindustrie war zweitgrößter Arbeitgeber

um Ende des 19. Jahrhunderts war Kassel eine Hochburg für Nähereien: Die größten Unternehmen waren die Textilfabriken Gottschalk, Salzmann, Fröhlich & Wolff, Baumann & Lederer und die Casseler Jutespinnerei. In den 1920er-Jahren war die Textilindustrie der zweitgrößte Arbeitgeber in der Stadt. 

Ob im Krieg, im fernen Afrika, im Zirkus oder im Urlaub – die Zelte der Firma Gottschalk waren fast 120 Jahre lang weltweit für die unterschiedlichsten Zwecke im Einsatz. Die Erfolgsgeschichte begann 1881, als Moritz Gottschalk (1851-1943) und Johannes Coenning die Firma gründeten. 

Beide hatten das Geschäft zuvor beim Kasseler Immobilien- und Textilunternehmer Sigmund Aschrott gelernt – einem Pionier der industriellen Textilproduktion. Nach dem Aufbau der Zelt- und Tuchfabrik an der heutigen Gottschalkstraße folgten schwere Anfangsjahre. In den 1920er-Jahren expandierte Gottschalk, erweiterte mehrfach Web- und Nähsäle. 

Bundesweite Aufmerksamkeit erzeugte die Firma, als sie 1895 das Festzelt für die Einweihung des Nord-Ostsee-Kanals fertigte. Aber nicht zur Zelte wurden hergestellt, sondern auch Schiffssegeltuche, Markisenstoffe und Wagendecken. Sportbekleidung produziert Ab den 1950er-Jahren ging es aufwärts. 

Zweigwerke entstanden in Bettenhausen, Zierenberg und Gensungen. Inzwischen produzierte Gottschalk sogar Sportbekleidung, mit der 1964 die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Winterspielen ausgestattet wurde. 1990 übernahm die Fuldaer Mehler AG den Betrieb. Doch die Umsätze sanken weiter. Die Textilproduktion war in Deutschland zu teuer geworden. 1999 wurde der Betrieb eingestellt.

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