Neues Album "Tumult": Herbert Grönemeyer nimmt Stellung 

Liefert die Musik zur Lage der Nation: Herbert Grönemeyer. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Sein fünfzehntes Album „Tumult“ ist stark von der politischen Lage im Land geprägt. Doch zum Glück sind die neuen Lieder von Herbert Grönemeyer (62) kein Proseminar gegen den Rechtsruck, sondern sehr unterhaltsam, poetisch, tiefgründig und ergreifend.

„Die Zeiten sind nicht mehr danach, dass man auf dem Sofa sitzen bleibt“, sagt Herbert Grönemeyer. „Jeder von uns ist gefragt und gefordert, sich zu engagieren und Gesicht zu zeigen.“ Albumvorstellungen mit Deutschands erfolgreichstem Musiker haben etwas Rituelles. Groenemeyers Laune ist vorzüglich. Dennoch: Etwas ist anders. Der Grundton des sechzehn Stücke langen „Tumult“-Albums ist ernster als üblich.

Die Gesellschaft ist verunsichert, schlingernd, fragil und in Aufruhr. Und ein Grönemeyer, stets nah dran an der Befindlichkeit seiner Mitmenschen, prescht inmitten dieses nervösen Grundgeraunes vehementer in politische Gefilde vor. „Die Frage ist: Wie zeigen wir den Rechten klare Kante? Wir müssen alle näher zusammenrücken und fest zusammenstehen.“

Herbert Grönemeyer, einer zeitlosen Erscheinung sehr nahekommend, will mit seiner Musik ein – im wahrsten Sinne des Wortes – Hoffnungsträger sein. Die „#unteilbar“-Demo in Berlin mit 240 000 Teilnehmern, das „Festival für Demokratie und Toleranz“ im mecklenburg-vorpommerschen Jamel, bei dem er auftrat, die nach wie vor zahllosen ehrenamtlichen Flüchtlingskümmerer, all das bewege ihn tief. „Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit. In Deutschland herrscht kein rechter Geist. Die große Mehrheit der Menschen ist offen, aufgeklärt und humanistisch.“ Zugleich halte er den Rechtsschwenk für ein Problem, „das man nicht mit einem Mausklick“ wegbekomme.

Nun kann man nicht behaupten, dass Grönemeyer die Politik plötzlich für sich entdeckt hat. „Mit Gott auf unserer Seite“ vom Album „Ö“ (1988) griff er den Selbstmord Uwe Barschels auf, „Die Härte“ (1993, Album „Chaos“) brillierte mit der Zeile „Hart im Hirn, weich in der Birne“, schon damals litt das frisch wiedervereinigte Land am Rechtsextremismus. Fakt ist freilich, dass die politischen Lieder auf dem neuen Album stärker in den Mittelpunkt gerückt sind, aber auch stärker wahrgenommen werden. Und so erregt ein Lied wie „Doppelherz/ Iki Gönlüm“, in dem Grönemeyer auch auf Türkisch darüber singt, wie gut sich das Reisen als Mittel gegen Engstirnigkeit eignet, eben stärker. „Ich finde es völlig in Ordnung, wenn die Leute meine Musik nicht mögen“, sagt der in zweiter Ehe verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder, der in Göttingen zur Welt kam und schon lange nicht mehr nur in London, sondern seit neun Jahren wieder in Berlin lebt.

Überhaupt ist Grönemeyers Auseinandersetzung mit dem Politischen auf „Tumult“ eher „beswingt und leichtfüßig“, wie er es beschreibt, als schwer und düster. Die aufrüttelnden Stücke wie „Bist du da“ oder „Fall der Fälle“ drängen musikalisch nach vorn. Das aufmunternde, mutmachende „Taufrisch“ taugt auch als Motivationssong vor der Alpenquerung. Das elektronisch und von Keyboards geprägte „Leichtsinn & Liebe“ hebt die Laune mit großem, melodisch höchst eingängigem Pop.

Zweifelnde Songs

Dass „Tumult“ trotz der heiteren Momente, zu denen auch die Liebes- und Glückslieder „Sekundenglück“ und „Mein Lebensstrahlen“ zählen, insgesamt einen für Grönemeyer-Verhältnisse melancholischen und dunklen Eindruck hinterlässt, liegt gar nicht so sehr an den politischen, sondern an den sehr persönlichen, selbstzweifelnden Songs, von denen es mehrere gibt.

„Tumult“ ist ein absolut würdiges Mittelspätwerk, die Melodien solide bis richtig stark, die Texte tiefgründig, der Politikaspekt wird mit Zuversicht, aber ohne Blauäugigkeit behandelt.

Dieser Mann ist noch längst nicht am Ende seiner Kunst. „Ich werde so lange weitermachen, bis ich das Gefühl habe, jetzt bin ich nur noch peinlich. Ich stehe sehr gerne auf der Bühne und singe. Das ist das ultimative Glücksgefühl.“

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